Hier schreibe ich - rund um Themen, die mir wie Karotten vor der Nase baumeln. Hauptsächlich Literatur, Nachhaltigkeit und Unternehmensethik [CSR].

Sunday, May 18, 2008

Alt - Sein - Werden?

„Die zweite Hälfte seines Lebens verbringt der Weise damit, sich von den Torheiten, Vorurteilen und irrigen Ansichten zu befreien, die er sich in der ersten zu Eigen gemacht hat.“ (Jonathan Swift)

Mit dem Alter ist es so eine Sache. Die Jungen wie die Alten haben eine Meinung dazu und überall lauern als Klischee getarnte Vorurteile. Wie stellt Ihr Euch eine 70jährige vor? Welches Bild seht Ihr vor Eurem inneren Auge? Geht sie gebeugt am Stock, sagt solche Dinge wie „Früher war alles besser“ und jammert endlos über ihre körperlichen Zipperlein? Das wäre ein Klischee. Oder geht sie ins Fitness-Center, sagt Dinge wie „Früher war ich verklemmt, heute kann ich den Sex unbefangen genießen!“ und berichtet mit leuchtenden Augen über ihre neue Liebschaft? Das wäre auch Realität.

Beides habe ich erlebt und seither bin ich nicht mehr sicher, ob nicht jede pauschale Aussage über „das Alter“ eine unzulässige Verallgemeinerung wäre. Ja, es scheint so, als würde heutzutage alles später stattfinden – die Leute heiraten später, kriegen ihre Kinder später, sehen auch mit 50 noch knackig aus und freuen sich mit 60 darauf als Rentner endlich Zeit für ihre neuen Hobbies zu haben. Und ja, es gibt auch unangenehme Auswüchse dieser Entwicklung. Zu Beispiel botox-gespritzte, oberflächliche Mittvierziger im Jugendwahn, die sich immer noch wie Twens benehmen.

Aber sind das Zeichen der Zeit? Oder ist es vielleicht nur so, dass wir im 21. Jahrhundert mehr Möglichkeiten haben, auf unsere ganz individuelle Weise zu leben und zu altern?


Meine Oma ist übrigens schon weit über 70 Jahre alt. Sie gehört zu keiner der eingangs beschriebenen Gruppen. Sie geht weder ins Fitness-Center, noch gebeugt. Weder über ihre Zipperlein, noch über ihre Sexualität verliert sie viele Worte. Sie lebt mit ihrem Mann und sechs Katzen auf einem Hof in Niedersachsen, hat gerade ihre Diamanthochzeit gefeiert und benimmt sich in ganz vielen Dingen wie eine ganz typische Oma: sie snackt Platt, kocht Quittengelee, backt Rhabarberkuchen, gräbt die Gemüsebeete um und hat gern ihre Enkelkinder um sich. Den Katzen gibt sie übrigens ganz wunderbare sprechende Namen, wie Grisegrau, Krawallo und Naseweiß.

Und trotzdem gibt es – außer dem göttlichen Quittengelee und der Diamanthochzeit – noch etwas anderes an meiner Oma, das mir gehörigen Respekt abverlangt. Etwas, dass viele junge Menschen nicht gebacken kriegen. Nämlich die Fähigkeit, auch noch in der zweiten Lebenshälfte ihre auf Erfahrungen basierenden Überzeugungen zu hinterfragen und ihre Sichtweise noch einmal grundlegend zu verändern. So ist heute eine ihrer besten Freundinnen eine Polin, obwohl meine Oma aus dem zweiten Weltkrieg einige ganz besonders böse Ansichten über die Polen mitgebracht hatte. Ich finde, das macht doch Mut und kann Vorbild sein. Soll doch jeder auf seine ganz eigene Weise älter werden, denn:


„Man wird sich nicht alt fühlen, solange man sein Werden empfindet.“ (Simonares)

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Sunday, April 27, 2008

Verstellte Türen

Ich kenne eine Frau, die ist vor einiger Zeit 50 Jahre alt geworden. Nennen wir sie … Dagmar. Ja, Dagmar passt gut. Ist natürlich nicht ihr richtiger Name, doch das tut nichts zur Sache. Damit Ihr Euch ein Bild von Dagmar machen könnt, beschreibe ich sie kurz. Sie ist klein und zierlich, mit einer spitzen Nase und einem hellroten Haarwuschel auf dem Kopf. Wenn sie Eure Freundin wäre, dann wäre sie diejenige, mit der man immer Wochen im Voraus einen Termin zum gemeinsamen Einkaufen oder Kuchenessen vereinbaren muss, weil sie beruflich so viel unterwegs und dauernd beschäftigt ist. Und man müsste stets pünktlich sein wenn man eine Verabredung mit ihr hat, denn ihr Zeitmanagement ist perfekt und sie hasst Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit.

Dagmar ist viel herum gekommen in der Welt und deshalb kann sie von ihren Reisen viel erzählen - vielleicht zum Italienischen Salat mit einem trockenen Rotwein oder beim selbst gebackenen Möhrenkuchen mit Pfefferminztee. Wenn Ihr unbedingt einen Kaffee wollt, dann würdet Ihr den auch bekommen, da ist Dagmar großzügig. Aber Dagmar selbst verträgt Kaffee nicht mehr so gut und trinkt nur ganz selten einen Espresso. Sie verträgt überhaupt einiges nicht mehr so gut. Zum Beispiel Stress und Kritik und ganz viele Nahrungsmittel und auch mit dem Humor hat sie es nicht mehr so. Zumindest war das so, als ich Dagmar kennen lernte.

Das lag daran, dass Dagmar schon ganz lange mit einigen Dingen in ihrem beruflichen Leben nicht mehr zufrieden war. Die vielen Geschäftsreisen waren nämlich anstrengend. Zudem sollten immer noch mehr Aufgaben in immer weniger Zeit erledigt werden und gelobt wurde Dagmar dafür ganz selten – obwohl sie äußerst gewissenhaft ihren Job erledigte und zu den tragenden Stützen des ganzen Teams zählte! Da konnte man jeden fragen, das hätten alle ihre Kollegen bestätigt.

Nun ist es nicht Dagmars Art ihren Chefs zu erzählen, was die alles falsch machen. Es ist überhaupt nicht Dagmars Art, sich einzumischen. Aber oft genug hatte sie in den letzten Jahren erwähnt, dass sie nicht zufrieden ist und sich Veränderungen wünscht. Versprochen hat man sie ihr auch oft genug, aber geändert hat sich dennoch nichts. Und so wurde Dagmar immer unzufriedener. Als ich sie kennen lernte war sie schon fast die ganze Zeit unzufrieden, lachte wenig und machte auch immer so pessimistische Andeutungen, dass sich gewisse Dinge niemals ändern würden und das Leben eben kein Wunschkonzert sei. Es machte ehrlich gesagt gar nicht mehr viel Spaß der Dagmar zuzuhören, weil sie oft schlecht gelaunt war, viele negative Sachen sagte und selten fröhlich war.

Vielleicht fragt Ihr Euch jetzt, warum Dagmar nicht den Beruf gewechselt hat? Das habe ich sie nämlich auch einmal gefragt und sie sagte, es gäbe doch für Frauen in ihrem Alter überhaupt keine Möglichkeiten mehr auf dem Arbeitsmarkt. Sie sei ja nun immerhin schon 50 Jahre alt und die Chefs würden viel lieber junge Menschen einstellen. Sie sagte, sie mache sich da gar keine Illusionen. Ich versuchte zwar ihr ein wenig Hoffnung zu machen, aber im Grunde habe ich selbst nicht daran geglaubt, dass Dagmar aus ihrer Unzufriedenheit die Konsequenzen ziehen würde.

Die gute Nachricht ist – und deswegen erzähle ich Euch heute von Dagmar – sie hat es dann doch getan! Eines Tages hörte ich, dass sie eine ganz tolle neue Stelle in einer ganz anderen Stadt angenommen hat und nun bald wegziehen wird. Es ist nämlich so, dass es da draußen auf dem Arbeitsmarkt sehr wohl noch Chancen für alte Hasen wie Dagmar gibt, wenn man sich nur umhört. Weil alte Hasen wie Dagmar nämlich viel Erfahrung mitbringen und selbständig arbeiten können. Das hat für die Chefs eine ganze Menge Vorteile. Außerdem wissen natürlich auch die meisten Chefs schon, dass ihre Mitarbeiter viel bessere Arbeit abliefern, wenn sie zufrieden sind.

Dagmar lächelt nun viel mehr und macht sogar häufiger einen kleinen Scherz. Okay, noch nicht so locker aus der Hüfte wie zum Beispiel ein Dieter Nuhr, aber sie braucht vielleicht noch ein wenig Übung. Auf jeden Fall ist Dagmar nun gar nicht mehr so unzufrieden und es würde mich nicht überraschen, wenn sie bei unserem nächsten Treffen Kaffee trinkt und gar keine Magenschmerzen mehr hat.

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