Alt - Sein - Werden?
„Die zweite Hälfte seines Lebens verbringt der Weise damit, sich von den Torheiten, Vorurteilen und irrigen Ansichten zu befreien, die er sich in der ersten zu Eigen gemacht hat.“ (Jonathan Swift)Mit dem Alter ist es so eine Sache. Die Jungen wie die Alten haben eine Meinung dazu und überall lauern als Klischee getarnte Vorurteile. Wie stellt Ihr Euch eine 70jährige vor? Welches Bild seht Ihr vor Eurem inneren Auge? Geht sie gebeugt am Stock, sagt solche Dinge wie „Früher war alles besser“ und jammert endlos über ihre körperlichen Zipperlein? Das wäre ein Klischee. Oder geht sie ins Fitness-Center, sagt Dinge wie „Früher war ich verklemmt, heute kann ich den Sex unbefangen genießen!“ und berichtet mit leuchtenden Augen über ihre neue Liebschaft? Das wäre auch Realität.
Aber sind das Zeichen der Zeit? Oder ist es vielleicht nur so, dass wir im 21. Jahrhundert mehr Möglichkeiten haben, auf unsere ganz individuelle Weise zu leben und zu altern?
Meine Oma ist übrigens schon weit über 70 Jahre alt. Sie gehört zu keiner der eingangs beschriebenen Gruppen. Sie geht weder ins Fitness-Center, noch gebeugt. Weder über ihre Zipperlein, noch über ihre Sexualität verliert sie viele Worte. Sie lebt mit ihrem Mann und sechs Katzen auf einem Hof in Niedersachsen, hat gerade ihre Diamanthochzeit gefeiert und benimmt sich in ganz vielen Dingen wie eine ganz typische Oma: sie snackt Platt, kocht Quittengelee, backt Rhabarberkuchen, gräbt die Gemüsebeete um und hat gern ihre Enkelkinder um sich. Den Katzen gibt sie übrigens ganz wunderbare sprechende Namen, wie Grisegrau, Krawallo und Naseweiß.Und trotzdem gibt es – außer dem göttlichen Quittengelee und der Diamanthochzeit – noch etwas anderes an meiner Oma, das mir gehörigen Respekt abverlangt. Etwas, dass viele junge Menschen nicht gebacken kriegen. Nämlich die Fähigkeit, auch noch in der zweiten Lebenshälfte ihre auf Erfahrungen basierenden Überzeugungen zu hinterfragen und ihre Sichtweise noch einmal grundlegend zu verändern. So ist heute eine ihrer besten Freundinnen eine Polin, obwohl meine Oma aus dem zweiten Weltkrieg einige ganz besonders böse Ansichten über die Polen mitgebracht hatte. Ich finde, das macht doch Mut und kann Vorbild sein. Soll doch jeder auf seine ganz eigene Weise älter werden, denn:
„Man wird sich nicht alt fühlen, solange man sein Werden empfindet.“ (Simonares)Labels: Alter, Familie, Gedankensplitter, Veränderung




