Meine erste schriftlich dokumentierte Begegnung mit dem Begriff ‚Nachhaltigkeit’ lässt sich auf den Mai 1998 zurück datieren. In meinen Unterlagen aus dem Soziologieseminar taucht er zum ersten Mal auf – zunächst noch auf Englisch: ‚sustainable’. Der Titel der Veranstaltung: „Sustainable City – zukunftsorientiertes Modell für Städte und Gemeinden“.
Dieses Thema muss einen wahrhaft nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen haben, denn ich weiß noch heute – fast zehn Jahre später und ohne auf Bildmaterial zurückreifen zu können – dass das Seminar im SoWi-Gebäude in der Seminarstrasse in Osnabrück stattfand, ich in der hinteren Reihe in der Mitte saß und an jenem Tag die Sonne schien. Ich erinnere mich auch an meine Begeisterung für das Thema. Es war ein bisschen so, als ob man ankommt und endlich aufbricht - zur gleichen Zeit. Ein Gefühl, das sicher viele von Euch kennen und das man oft bekommt, wenn man mit einer vagen Idee schon länger unbewusst schwanger gegangen ist und nun auf andere stößt, die sie schon ausgearbeitet haben.
Soweit zu meinen nostalgischen Erinnerungen an die Studienzeit. Was ich an jenem Tag im Mai 1998 noch nicht wusste war, dass die Idee der Nachhaltigkeit nicht wirklich neu war und ihre Wurzeln in Deutschland zu finden sind. Schon im Jahr 1713 taucht der Begriff bei Hans Carl von Carlowitz mit Bezug zur Forstwirtschaft auf. Er nutze den Begriff ‚nachhaltend’ damals im Sinne von ‚dauerhaft’ und ‚erhaltend’ und es ging vor allem darum, die nachwachsende Ressource Wald nur in dem Maß zu bewirtschaften und zu nutzen, in dem sie sich auch regenerieren kann. Sein Ziel war es die Rohstoffversorgung auch für nachfolgende Generationen zu sichern, denn man brauchte sehr viel Holz für den Bergbau. Neben der durchaus vorhandenen ökologischen Komponente war also die Ökonomische von Anfang an als treibende Kraft mit von der Partie.
Der ökologische Aspekt wurde dann durch den im Jahre 1972 erschienenen Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ des Clubs of Rome (http://www.clubofrome.org) deutlich gestärkt. Der Bericht zeigt anhand verschiedener Hochrechnungen, dass bei unverändertem Wachstum und Verhalten der Menschheit der ökologische Kollaps nicht aufzuhalten sei. Nachhaltigkeit erscheint hier erstmalig im globalen Kontext als ein mögliches Leitbild zum Erreichen eines weltweiten Gleichgewichtszustands. Dabei wird das Konzept Nachhaltigkeit um eine soziale Komponente ergänzt, denn im Bericht wird auch auf die Notwendigkeit eines umfassenden Wertewandels und sozialer Innovationen hingewiesen.
Der inzwischen weithin bekannte Begriff Nachhaltigkeit – Sustainability – wird 1987 im Brundtlandbericht „Our common future“ wie folgt definiert:
"Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs."
Zu Deutsch:
„Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen."
1992 schließlich, auf der UNO Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro, wurde die Agenda 21 verabschiedet und das Konzept der Nachhaltigkeit zum Leitbild erklärt. Zugleich werden mit dem Ziel einer weltweiten nachhaltigen Entwicklung konkrete politische Handlungsempfehlungen für die drei Säulen Ökologie, Ökonomie und Soziale Gerechtigkeit formuliert. Ein beachtlicher Schritt.
In meinen Notizen aus dem Jahre 1998 liest sich das dann so:
- Alte Denkmuster: zunächst einen der 3 Aspekte (Ökologie, Ökonomie, soziale Gerechtigkeit) in Angriff nehmen, dann die anderen daran anpassen.
- Neuer Weg: Interaktion und Verknüpfung zwischen den 3 Bereichen schon in der Planungsphase (Prävention statt Reparatur)
- Nachhaltige Entwicklung als konsens-stiftende Lehrformel
- Wirtschaftliches Wachstum so umgestalten, dass weder die Ökologie noch die soziale Gerechtigkeit darunter leiden
- Zunehmende Hinterfragung des geltenden Wirtschaftssystems und der vorherrschenden Lebensweise (Produktionsformen, Werte…)
- Nachhaltiges Wirtschaften erfordert ein neues Gesellschaftsmodell
Heute, fast zehn Jahre später, ist aus dem Begriff Nachhaltigkeit ein medienwirksames Schlagwort geworden, das viele im Munde führen ohne die Bedeutung zu kennen. Immer noch gibt es Geschäftsleute, die ‚nachhaltig’ sagen und ‚durchgreifend’, ,effektiv’ oder ‚wirksam’ meinen. In der anderen Richtung wird Nachhaltigkeit heute teilweise in einem holistischen Sinne verwendet, der neben ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten auch kulturelle und spirituelle Aspekte integriert (siehe: Tiefenökologie). So nimmt er den Weg fast jedes Begriffes der Popularität erlangt und wird inzwischen sogar im Rahmen von ‚Greenwashing-Kampangen’ von Unternehmen eingesetzt, deren Geschäftsgebaren alles andere als nachhaltig ist.
Doch unabhängig davon was der Zeitgeist aus dem Begriff Nachhaltigkeit gemacht hat und noch machen wird – die entscheidene Frage für uns alle ist doch: wie lebt man nachhaltig? Wie können wir nachhaltige Überzeugungen in unseren Alltag integrieren? Dazu gibt heute viele Möglichkeiten, aber auch aufgrund der vielfältigen Angebote eine neue Verwirrung. So gibt es einen eigenen 'Lifestyle of Health and Sustainability' (LOHAS) und die neuen Ökos (engl. auch new greens) tragen Kleidung von American Apparel statt Jutetaschen, kaufen bei Manufaktum, Demeter oder Bioland. Auf der anderen Seite gibt es die Tendenz zu neuem Konsumverzicht und Aussteiger, die nur jenseits urbaner Lebensformen in alternativen EcoVillages eine nachhaltige Zukunft sehen.
Trotzdem. Noch nie zuvor gab es so viele Menschen, für die der Grundsatz der Nachhaltigkeit eine sinnvolle und befriedigende Lebensorientierung bedeutet. Und ich freue mich festzustellen: das fühlt sich ein bisschen so an, als ob man ankommt und endlich aufbricht – zur gleichen Zeit.
Quellen:
Barbara Becker. „Sustainability Asssessment: A Review of Values, Concepts and Methodological Approaches.” (1997) http://www.worldbank.org/html/cgiar/publications/issues/issues10.pdf
Tanja von Egan-Krieger. „Theorie der Nachhaltigkeit und die deutsche Waldwirtschaft der Zukunft.” (2005)
http://umwethik.botanik.uni-greifswald.de/diplomarbeiten/dipl_egan-krieger.pdf
http://de.wikipedia.org/wiki/Nachhaltigkeit
http://de.wikipedia.org/wiki/Nachhaltige_Entwicklung
http://en.wikipedia.org/wiki/Brundtland_Commission#Brundtland_Report
http://www.lohas.de/
http://www.nachhaltigkeit.info/
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