Hier schreibe ich - rund um Themen, die mir wie Karotten vor der Nase baumeln. Hauptsächlich Literatur, Nachhaltigkeit und Unternehmensethik [CSR].

Friday, July 25, 2008

Evolution oder Als der Verdruss Bürgermeister wurde

Schlaumeier, Besserwisser und Rechthaber trafen sich zum sonntäglichen Frühschoppen. Das taten sie seit vielen Jahren denn sie genossen ihre Streitigkeiten sehr. Eigentlich zählte auch die Ignoranz zum festen Kreis, aber heute blieb sie fort. Dafür kam das Vorurteil spontan vorbei. Es wirkte, wie so oft, etwas kindlich und war auch körperlich kleiner geraten als die anderen Anwesenden. Doch sie hatten sich im Lauf der Jahre daran gewöhnt, über diese Wachstumsschwäche keine Scherze zu machen. Da war das Vorurteil sehr empfindlich.

Schlaumeier, Besserwisser und Rechthaber hätten dem äußeren Erscheinungsbild nach Brüder sein können. Sie waren alle drei drahtig und schlank, sehr agil, mit forschender Nase und behändem Blick. Tatsächlich waren sie aber – abgesehen von einer ganz entfernten Verwandtschaft mit der Kleinmut – nur Freunde.

So saßen sie und aßen und tranken und hingen ihren üblichen Streitigkeiten nach. Da sie jedoch so vertraut miteinander waren, kamen sie über die Wiederholung der immer gleichen Themen nicht hinaus und waren am Ende froh, als das Vorurteil einen entscheidenden neuen Input lieferte.

„Vorhin auf dem Marktplatz“, sagte das Vorurteil „ist mir der Gutmensch begegnet.“

Verächtliches Prusten.

„Nicht der schon wieder“, sagte der Besserwisser.

„Hat wohl wieder Bio-Gemüse gekauft, was?“ polterte der Schlaumeier, was allgemein Erheiterung erzeugte.

„Nein, er ist zur Larmoyanz gegangen. Ich hab’s genau gesehen.“

„Na, da haben sich ja zwei gesucht und gefunden.“ Hämte der Rechthaber. „Ich hab ja gleich gesagt, dass das Weichei und der realitätsferne Träumer gut zusammen passen würden.“

„Nun, eigentlich war ich es der bemerkte, dass der ewige Positivseher doch sicherlich der weinerlichen Jammerliese helfen könnte, nicht mehr so empfindlich zu sein.“ Brummte der Schlaumeier.

„Hört mal Leute“, warf der Besserwisser ein. „Ihr wisst so gut wie ich, dass ich der erste war, der die Wahrheit erkannt hat. Nämlich, dass das ewige Opfer vom tatkräftigen Optimismus des Weltverbesserers profitieren könne, während der hoffnungslose Idealist im Gegenzug eine kleine Lektion in Leidensfähigkeit abbekäme. Wer etwas anderes behauptet, der verdreht die Tatsachen.“

Das Vorurteil juchzte und rieb sich die Hände. Auch von den umstehenden Tischen kam vereinzelt Kichern oder auch mal ein zustimmender Ruf. Nur die Wahrheit saß grummelnd in der Ecke und murmelte etwas Unverständliches. Der sonntägliche Kreis fand so oder so stets sein Publikum und genoss die Aufmerksamkeit sichtbar.

Da rührte sich das Menschenbild an seinem Stammtisch in der Mitte des Raumes. Es schlug mit der Faust brutal auf den Eichentisch, um sich dann bedrohlich ächzend und schnaufend zu erheben, bis es beinahe mit dem Kopf gegen den Deckenbalken stieß. Niemandem war aufgefallen, wie sehr es in letzter Zeit gewachsen war. Aus dem grobschlächtigen Gesicht mit den tiefen Furchen schauten die Augen des Menschenbildes verächtlich unter dichten Brauen hervor.

„Ja, schaut ihr nur und seid überrascht, wie ich mich verändert habe. So wie ihr ja von vielem überrascht werdet, das ihr selbst hervorbringt. Oder auch vernichtet. Denn euch ist ja nicht einmal aufgefallen, dass wir ein paar angesehene Mitglieder unserer Dorfgemeinschaft verloren haben. Mein Onkel, der Altruismus, machte den Anfang. Inzwischen sind auch Gleichmut, Freundlichkeit und Respekt gegangen. Und ihr jämmerlichen Gestalten sitzt hier und feiert unbeirrt weiter.“

Der Schlaumeier rief erhitzt zurück: „Du wagst es, uns jämmerlich zu nennen?“

„Ja, du Wurm. Denn ich bin euer Abbild und sehe in euch stets nur das, was ihr in euch selbst auch seht“, entgegnete das Menschenbild donnernd. Die Angst, seine Ehefrau, legte wie zur Beruhigung ihre blasse Hand auf seinen muskulösen Arm, zog sie aber sofort wieder weg.

In diesem Moment kam die Anmut vorbei und blickte auf die kleine Gruppe wie ein Kind vom Lande, das die balgenden Stadtkinder meidet und lieber am Fluss barfuss auf Bäume klettert. Sie näherte sich nicht, sondern stellte nur von der Türe her leise fest:

„Nein, ich glaube kaum, dass meine Schwester, die Demut, hier vorbei gekommen ist“.

Damit ging sie und hinterließ im leeren Türrahmen nur einen fernen Freiheitshauch natürlichen Geistes.



Simona Harms, 25.07.2008 (inspiriert von einem Foreneintrag von Dr. Bernhard A. Grimm)

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Saturday, May 31, 2008

Die Nackenatmer

Ich gehe. Vorbei an dem CD-Laden in dem ich noch nie war und dessen Namen ich deshalb nicht kenne. Das helle Klacken meiner Absätze klingt, nun, wie billiges Plastik auf Bürgersteig eben so klingt. Ich gehe weiter und frage mich, ob der Allfrisch-Markt immer schon so weit von der Bushaltestelle entfernt war. Brot, Käse und Kaffee – bloß nicht wieder vergessen. Wie man ohne Kaffee leben kann, ist mir unbegreiflich. Vor dem Buchladen teilt sich der graue Fremdenbrei und ich sehe in ein Gesicht. Zwei Schritte später haben meine Augen den ganzen Menschen abgetastet und ein negatives Bild generiert. Ausgebeulte Jeans, zu lange nicht mehr gewaschen, verpekter blauer Kapuzensweater. Abseits. Das Gesicht sieht niemanden an und wirkt gerade deswegen bedrohlich. Vielleicht liegt es an der Kapuze, die bis über die Augenbrauen hängt. Augen, Nase, Mund – eigentlich kein ganzes Gesicht. Ist das nun ein Farbiger oder ein stark gebräunter Weißer mit diesem dreckig wirkenden Hautton? Und warum habe ich Angst vor seinem leeren Blick? [image source=’unknown’]. Ich bin schon längst im Allfrisch, da grübele ich noch über den Kerl nach.

Kaffee gibt es heute mal wieder nicht, dafür eine lange Schlange und unfreundliches Personal. Warum ausgerechnet hinter mir immer einer steht, der gegen meinen Rucksack stößt und mir in den Nacken atmet, weiß ich nicht. Letzte Woche habe ich hier schon mal eingekauft. Oder war es vor zwei Wochen? Jedenfalls gab es auch letztes Mal keine Einkaufskörbe und die dummäugige Verkäuferin konnte sicherlich das Wort 'Service' nicht einmal buchstabieren. Sie muss unglücklich sein. Wie könnte man in so einem Job mit diesem Gesicht glücklich sein? War ich ja damals, als ich den Hörsturz hatte, auch nicht. Obwohl das ja eigentlich die besten Jahre meines Lebens hätten sein sollen. Wenn es nur Kaffee gäbe.

Ich schwinge meinen vollen Rucksack über meine rechte Schulter und grinse, weil sich hinter mir jemand beschwert. [target=’hit’]. Wird ihm eine Lehre sein. Das Blöde am älter werden ist nicht, dass man Falten kriegt, sondern dass einen immer mehr Sachen nerven. Nackenatmer zum Beispiel. Auf meiner Haut der verbrauchte Atem von jemandem, dessen Augen ich noch nie gesehen habe. Ich gehe vorbei am CD-Laden und pfeife.
[image source=’/Kurzzeitgedächtnis/Kapuze.jpg’]. Schon wieder der? Er fragt mich, ob ich glücklicher war, als es noch Kaffee gab, und ich muss ihm die Antwort schuldig bleiben. Error 404 – you don't have access on this server. Auch wenn ich seine Augen nun schon kenne. Ob er Haare hat?


Auf einer moosigen Bank vor der Bibliothek drückt er den Korken in meine eben gekaufte Weinflasche. Seine Finger sind ganz dreckig, aber er ist trotzdem kein Weißer. Ich will wissen, ob sein Vater mit der deutschen Frau glücklich war. "Interkulturelle Beziehungen sind generell – ohne verallgemeinern zu wollen – komplizierter als andere" sagt er. "Ob die Andersartigkeit der Partner nach außen sichtbar oder durch den Sozialisationsprozess verinnerlicht wurde, spielt dabei keine so große Rolle." Ich nicke und nehme einen Schluck aus der Flasche.

Er war als Teenager auch nicht glücklich. "Warum behaupten dann alle, dass sei die beste Zeit überhaupt?" frage ich. "Kompensation" sagt er. Ich lege meine Theorie dar, nach der man in jeder Lebensphase den Link unbewusst umdefiniert. [a href auf ‚Die besten Jahre meines Lebens.html’ = Soeben abgelaufene Vergangenheit]. Er widerspricht heftig und outet sich dabei als Idealist. Das macht ihn sehr sympathisch. Trotzdem. Kaffee hat er auch keinen und er ist noch nicht genervt genug vom Leben. Das muss er in diesem Land schon noch lernen, denke ich, sonst wird er hier als Erwachsener nicht glücklich.

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Sunday, April 27, 2008

Verstellte Türen

Ich kenne eine Frau, die ist vor einiger Zeit 50 Jahre alt geworden. Nennen wir sie … Dagmar. Ja, Dagmar passt gut. Ist natürlich nicht ihr richtiger Name, doch das tut nichts zur Sache. Damit Ihr Euch ein Bild von Dagmar machen könnt, beschreibe ich sie kurz. Sie ist klein und zierlich, mit einer spitzen Nase und einem hellroten Haarwuschel auf dem Kopf. Wenn sie Eure Freundin wäre, dann wäre sie diejenige, mit der man immer Wochen im Voraus einen Termin zum gemeinsamen Einkaufen oder Kuchenessen vereinbaren muss, weil sie beruflich so viel unterwegs und dauernd beschäftigt ist. Und man müsste stets pünktlich sein wenn man eine Verabredung mit ihr hat, denn ihr Zeitmanagement ist perfekt und sie hasst Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit.

Dagmar ist viel herum gekommen in der Welt und deshalb kann sie von ihren Reisen viel erzählen - vielleicht zum Italienischen Salat mit einem trockenen Rotwein oder beim selbst gebackenen Möhrenkuchen mit Pfefferminztee. Wenn Ihr unbedingt einen Kaffee wollt, dann würdet Ihr den auch bekommen, da ist Dagmar großzügig. Aber Dagmar selbst verträgt Kaffee nicht mehr so gut und trinkt nur ganz selten einen Espresso. Sie verträgt überhaupt einiges nicht mehr so gut. Zum Beispiel Stress und Kritik und ganz viele Nahrungsmittel und auch mit dem Humor hat sie es nicht mehr so. Zumindest war das so, als ich Dagmar kennen lernte.

Das lag daran, dass Dagmar schon ganz lange mit einigen Dingen in ihrem beruflichen Leben nicht mehr zufrieden war. Die vielen Geschäftsreisen waren nämlich anstrengend. Zudem sollten immer noch mehr Aufgaben in immer weniger Zeit erledigt werden und gelobt wurde Dagmar dafür ganz selten – obwohl sie äußerst gewissenhaft ihren Job erledigte und zu den tragenden Stützen des ganzen Teams zählte! Da konnte man jeden fragen, das hätten alle ihre Kollegen bestätigt.

Nun ist es nicht Dagmars Art ihren Chefs zu erzählen, was die alles falsch machen. Es ist überhaupt nicht Dagmars Art, sich einzumischen. Aber oft genug hatte sie in den letzten Jahren erwähnt, dass sie nicht zufrieden ist und sich Veränderungen wünscht. Versprochen hat man sie ihr auch oft genug, aber geändert hat sich dennoch nichts. Und so wurde Dagmar immer unzufriedener. Als ich sie kennen lernte war sie schon fast die ganze Zeit unzufrieden, lachte wenig und machte auch immer so pessimistische Andeutungen, dass sich gewisse Dinge niemals ändern würden und das Leben eben kein Wunschkonzert sei. Es machte ehrlich gesagt gar nicht mehr viel Spaß der Dagmar zuzuhören, weil sie oft schlecht gelaunt war, viele negative Sachen sagte und selten fröhlich war.

Vielleicht fragt Ihr Euch jetzt, warum Dagmar nicht den Beruf gewechselt hat? Das habe ich sie nämlich auch einmal gefragt und sie sagte, es gäbe doch für Frauen in ihrem Alter überhaupt keine Möglichkeiten mehr auf dem Arbeitsmarkt. Sie sei ja nun immerhin schon 50 Jahre alt und die Chefs würden viel lieber junge Menschen einstellen. Sie sagte, sie mache sich da gar keine Illusionen. Ich versuchte zwar ihr ein wenig Hoffnung zu machen, aber im Grunde habe ich selbst nicht daran geglaubt, dass Dagmar aus ihrer Unzufriedenheit die Konsequenzen ziehen würde.

Die gute Nachricht ist – und deswegen erzähle ich Euch heute von Dagmar – sie hat es dann doch getan! Eines Tages hörte ich, dass sie eine ganz tolle neue Stelle in einer ganz anderen Stadt angenommen hat und nun bald wegziehen wird. Es ist nämlich so, dass es da draußen auf dem Arbeitsmarkt sehr wohl noch Chancen für alte Hasen wie Dagmar gibt, wenn man sich nur umhört. Weil alte Hasen wie Dagmar nämlich viel Erfahrung mitbringen und selbständig arbeiten können. Das hat für die Chefs eine ganze Menge Vorteile. Außerdem wissen natürlich auch die meisten Chefs schon, dass ihre Mitarbeiter viel bessere Arbeit abliefern, wenn sie zufrieden sind.

Dagmar lächelt nun viel mehr und macht sogar häufiger einen kleinen Scherz. Okay, noch nicht so locker aus der Hüfte wie zum Beispiel ein Dieter Nuhr, aber sie braucht vielleicht noch ein wenig Übung. Auf jeden Fall ist Dagmar nun gar nicht mehr so unzufrieden und es würde mich nicht überraschen, wenn sie bei unserem nächsten Treffen Kaffee trinkt und gar keine Magenschmerzen mehr hat.

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