Hier schreibe ich - rund um Themen, die mir wie Karotten vor der Nase baumeln. Hauptsächlich Literatur, Nachhaltigkeit und Unternehmensethik [CSR].

Saturday, May 31, 2008

Die Nackenatmer

Ich gehe. Vorbei an dem CD-Laden in dem ich noch nie war und dessen Namen ich deshalb nicht kenne. Das helle Klacken meiner Absätze klingt, nun, wie billiges Plastik auf Bürgersteig eben so klingt. Ich gehe weiter und frage mich, ob der Allfrisch-Markt immer schon so weit von der Bushaltestelle entfernt war. Brot, Käse und Kaffee – bloß nicht wieder vergessen. Wie man ohne Kaffee leben kann, ist mir unbegreiflich. Vor dem Buchladen teilt sich der graue Fremdenbrei und ich sehe in ein Gesicht. Zwei Schritte später haben meine Augen den ganzen Menschen abgetastet und ein negatives Bild generiert. Ausgebeulte Jeans, zu lange nicht mehr gewaschen, verpekter blauer Kapuzensweater. Abseits. Das Gesicht sieht niemanden an und wirkt gerade deswegen bedrohlich. Vielleicht liegt es an der Kapuze, die bis über die Augenbrauen hängt. Augen, Nase, Mund – eigentlich kein ganzes Gesicht. Ist das nun ein Farbiger oder ein stark gebräunter Weißer mit diesem dreckig wirkenden Hautton? Und warum habe ich Angst vor seinem leeren Blick? [image source=’unknown’]. Ich bin schon längst im Allfrisch, da grübele ich noch über den Kerl nach.

Kaffee gibt es heute mal wieder nicht, dafür eine lange Schlange und unfreundliches Personal. Warum ausgerechnet hinter mir immer einer steht, der gegen meinen Rucksack stößt und mir in den Nacken atmet, weiß ich nicht. Letzte Woche habe ich hier schon mal eingekauft. Oder war es vor zwei Wochen? Jedenfalls gab es auch letztes Mal keine Einkaufskörbe und die dummäugige Verkäuferin konnte sicherlich das Wort 'Service' nicht einmal buchstabieren. Sie muss unglücklich sein. Wie könnte man in so einem Job mit diesem Gesicht glücklich sein? War ich ja damals, als ich den Hörsturz hatte, auch nicht. Obwohl das ja eigentlich die besten Jahre meines Lebens hätten sein sollen. Wenn es nur Kaffee gäbe.

Ich schwinge meinen vollen Rucksack über meine rechte Schulter und grinse, weil sich hinter mir jemand beschwert. [target=’hit’]. Wird ihm eine Lehre sein. Das Blöde am älter werden ist nicht, dass man Falten kriegt, sondern dass einen immer mehr Sachen nerven. Nackenatmer zum Beispiel. Auf meiner Haut der verbrauchte Atem von jemandem, dessen Augen ich noch nie gesehen habe. Ich gehe vorbei am CD-Laden und pfeife.
[image source=’/Kurzzeitgedächtnis/Kapuze.jpg’]. Schon wieder der? Er fragt mich, ob ich glücklicher war, als es noch Kaffee gab, und ich muss ihm die Antwort schuldig bleiben. Error 404 – you don't have access on this server. Auch wenn ich seine Augen nun schon kenne. Ob er Haare hat?


Auf einer moosigen Bank vor der Bibliothek drückt er den Korken in meine eben gekaufte Weinflasche. Seine Finger sind ganz dreckig, aber er ist trotzdem kein Weißer. Ich will wissen, ob sein Vater mit der deutschen Frau glücklich war. "Interkulturelle Beziehungen sind generell – ohne verallgemeinern zu wollen – komplizierter als andere" sagt er. "Ob die Andersartigkeit der Partner nach außen sichtbar oder durch den Sozialisationsprozess verinnerlicht wurde, spielt dabei keine so große Rolle." Ich nicke und nehme einen Schluck aus der Flasche.

Er war als Teenager auch nicht glücklich. "Warum behaupten dann alle, dass sei die beste Zeit überhaupt?" frage ich. "Kompensation" sagt er. Ich lege meine Theorie dar, nach der man in jeder Lebensphase den Link unbewusst umdefiniert. [a href auf ‚Die besten Jahre meines Lebens.html’ = Soeben abgelaufene Vergangenheit]. Er widerspricht heftig und outet sich dabei als Idealist. Das macht ihn sehr sympathisch. Trotzdem. Kaffee hat er auch keinen und er ist noch nicht genervt genug vom Leben. Das muss er in diesem Land schon noch lernen, denke ich, sonst wird er hier als Erwachsener nicht glücklich.

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