Skinner: Walden Two (Futurum Zwei) und der 4-Stunden-Arbeitstag
Dies ist keine Rezension. Aber nachdem ich gerade Skinners Roman "Futurum Zwei [Walden Two] - Die Vision einer aggressionsfreien Gesellschaft" gelesen habe bin ich etwas aufgewühlt und überrascht. Zunächst darüber, dass das Buch bereits 1948 erschien. Aber ganz besonders darüber, wie wenige der dort bereits angedachten Innovationen heute unsere Arbeitswelt bereichern. In Futurum Zwei arbeitet jedes Mitglied der Gemeinschaft an 4 Stunden des Tages für Werkguthaben. Richtig, nur 4 Stunden. Das heisst die Mitglieder gehen zur Arbeitsverteilung und suchen sich eine Tätigkeit aus, die ihren Fähigkeiten und Wünschen, aber auch ihrer Tagesstimmung entspricht. Wie z.B. die Besucher, die im Roman für 10 Werkguthaben Fenster putzen (Bewertung 1,2 - leichte Tätigkeit, keine besondere Erfahrung vorausgesetzt), um sich für die Gastfreundschaft erkenntlich zu zeigen und gleichzeitig am Experiment Futurum Zwei auch persönlich teilzunehmen. Als Gegenleistung für dieses erarbeitete Werkguthaben nutzen alle Mitglieder die Gefälligkeiten des Gemeinwesens: Kost und Logis, ärztliche Behandlung, Weiterbildungsmöglichkeiten, verschiedene Freizeitaktivitäten aus Sport, Kultur und Kunst. Und trotz all der Aktivität mangelt es nicht an Muße, Entspannung und innerer Einkehr.
Arbeit, das heissst in Futurum Zwei für alle, auch für Planer und Manager, ein gewisses Maß an körperlichen Tätigkeiten und ich schreie laut 'Hurraa!' wenn ich so etwas lese. Denn das hat doch durchaus mehr Sinn, als wenn wir heute bei einer Wochenarbeitszeit von 50 oder mehr Stunden unsere gesunde Dosis an körperlicher Bewegung in Fitness-Centern zukaufen müssen. An der Stelle fiel mir auch wieder eines meines liebsten Zitate von Henry David Thoreau ein, das ich hier unbedingt unterbringen muss, weil es sich aus heutiger Sicht so schön bissig ausnimmt:
"Ich bin der Ansicht, mein körperliches und geistiges Wohlbefinden allein deshalb zu erhalten, weil ich jeden Tag wenigstens vier, üblicherweise aber sogar mehr Stunden damit zubringe, in völliger Freiheit von jedweden Anforderungen der Welt durch den Wald sowie über Hügel und Felder zu streifen. Sicher wird man mich nun fragen, woran ich hierbei denke. Manchmal denke ich daran, dass die Handwerker und Krämer sich nicht allein des Vormittags, sondern auch während der Nachmittage in ihren Werkstätten und Läden befinden, davon viele zudem noch mit übereinandergeschlagenen Beinen – gerade so, als wären Beine nicht zum Stehen und Laufen, sondern zum Sitzen erschaffen worden –, und dann denke ich, man müsse diesen Leuten eine Art von Anerkennung zubilligen, weil sie ihrem Leben nicht schon vor langer Zeit ein Ende gesetzt haben." [Henry David Thoreau, 1817 - 1862]
Ich will einräumen, dass mir nicht alles an Futurum Zwei geheuer ist. Wieso Dankbarkeit abgelehnt wird, kann ich nicht nachvollziehen. Auch Fraziers Abneigung gegen die Anerkennung von persönlichen, herausragenden Leistungen riecht heute überholt. Ich kann nicht finden, dass in der Anerkennung von Leistung bei einer Person auch implizit die Herabsetzung einer anderen Person enthalten wäre. Aber sei's drum.
Einige der dort dargestellten Lösungsansätze wären durchaus geeignet, uns bei aktuellen Problemen zu helfen. Es ist doch kaum einzusehen, dass heute ein Teil der Bevölkerung unfreiwillig 40, 50, 60 oder gar noch mehr Wochenstunden arbeitet und dabei starkem Leistungs- und Zeitdruck ausgesetzt ist, während ein anderer Teil unserer Bevölkerung unfreiwillig ohne entlohnte Tätigkeit lebt und dabei starkem sozialen und wirtschaftlichen Druck ausgesetzt ist. Da gibt es doch sicherlich intelligentere Lösungen, die nicht an simplen Verteilungsfragen hängen bleiben oder auf Gleichmacherei setzen. Ich für meinen Teil kann mir einen 4-Stunden-Arbeitstag mit freier Wahl der Tätigkeit sehr wohl vorstellen. Und das nicht etwa, weil ich besonders faul wäre. Sondern vielleicht eher, weil ich mir erlaube die Welt auch einmal ganz anders zu sehen, als sie heute noch ist.
