
Einmal im Jahr gehe ich zu einer kleinen Demo, das ist eine lieb gewordene Gewohnheit aus Studententagen. Eine kleine hutzelige Demo mit weniger als fünfhundert Teilnehmern sollte es sein, sonst wird es zu unpersönlich. Außerdem sollte man das Anliegen der Demonstrierenden für absolut unterstützenswert halten. Was man davon hat? Das gute, warme Wir-retten-die-Welt-Gefühl im Bauch, wenn man klatschend und johlend herum steht und platte Parolen ruft. Da geht nix drüber. Weitere Anreize: der vom auf dem Bürgersteig Herumsitzen dreckverschmierte Hosenboden mit Kaugummiresten, vom Klatschen gut durchblutete Handflächen, Training der für das Pfeifen auf zwei Fingern notwendigen Muskeln, sowie mitunter konkrete Wahlentscheidungshilfen, die sich aus Podiumsdiskussionen mit Regionalpolitikern ergeben.

So war es auch in diesem Fall. Ich war bei der Aktion „
Auf Endlagersuche“ von campact e.V. in Bremen. Ein vermeintlicher Castorbehälter auf einem 40-Tonnen-LKW rollt derzeit durch zwölf deutsche Städte, begleitet von Atomkraftgegnern mit gelben Tonnen, weißen „Schutz“-Anzügen, Gesichtsmasken und knatternden Geigerzählerattrappen. Gesucht wird nach einem geeigneten Endlager für radioaktive Stoffe, die in unseren Atomkraftwerken anfallen. Ziel der Aktion: die Atomlobby an ihrer Achillesferse packen – der ungelösten Endlagerung des Jahrmillionen strahlenden Atommülls – und damit den von CDU und FDP angepeilten Ausstieg aus dem Ausstieg zunichte zu machen.

Wie zu erwarten war, brachte auch die Probebohrung auf dem Bremer Marktplatz (direkt vor Roland und Bürgerschaft) ein negatives Ergebnis. Die Erleichterung darüber hielt sich jedoch in Grenzen, denn schon kamen die Politiker zu Wort und sprachen von den Sachzwängen, denen wir uns heute zu stellen haben. Ja, genau, das sind die Rahmenbedingungen, die es heute gar nicht gäbe, wenn andere Politiker nicht vor vielen Jahren und Jahrzehnten, mit Hinweis auf damals vorhandene Sachzwänge, die Wünsche der Bevölkerung übergangen hätten.

Ein Killerargument war, dass wir heute nun einmal Atomkraftwerke betreiben und deswegen ein Endlager für den dort anfallenden Atommüll zwingend brauchen. Das ist zumindest in der Sache richtig, auch wenn es uns nicht am Atomausstieg hindern kann. Das nächste Argument war, aufgrund unseres hohen Strombedarfs bräuchten wir Kernkraft als Übergangslösung – zumindest bis erneuerbare Energien in ausreichendem Umfang verfügbar seien – sonst bestünde die Gefahr von Versorgungsengpässen. Dazu war aus der CDU-Ecke zu vernehmen, wir hätten ja schließlich alle Handys und Fernseher, womit wir die denn betreiben wollten, abschalten würden wir die ja wohl kaum. Überrascht schien der Herr von der CDU daraufhin über den Applaus zu diesem Vorschlag. Offenbar war die Mehrheit der Anwesenden durchaus einsichtig: Ja, wir würden auch unser Verhalten ändern und weniger Strom verbrauchen, wenn das dazu beitragen würde, die AKWs endlich vom Netz zu nehmen. Der Herr von der CDU war der Meinung, das sähe die restliche Bevölkerung aber ganz anders. Anscheinend hat es sich in CDU und FDP noch nicht herum gesprochen, dass inzwischen weite Teile der Bevölkerung durchaus zugunsten der Umwelt auf ein gewisses Maß an Komfort verzichten würden.

Lustig wurde es, als der Herr von der FDP meinte, Atomstrom sei zukunftsfähig weil klimaneutral (bzw. CO2-neutral). In der abschließenden Fragerunde darauf angesprochen, wie er denn darauf käme, verwies er auf die Systemgrenzen – allerdings ohne zu erwähnen, dass bei Betrachtung des gesamten Lebenszyklus eines Kraftwerkes (vom Bau, über den Betrieb, bis zum Abriss inkl. aller Folgekosten) Atomenergie keinesfalls klimaneutral ist (weitere Informationen unter
http://idw-online.de/pages/de/news331222).
Überhaupt war die abschließende Fragerunde ein Meisterstück. Meinen Hut ziehe ich vor dem Moderator und Leiter der Diskussion, Christoph Bautz von
campact e.V., der das Ganze äußerst sympathisch und professionell durchgezogen hat. Doch nicht einmal er konnte verhindern, dass einige Demonstrationsteilnehmer das Mikrofon nur deswegen ergreifen, um auch einmal ausgiebig zu Wort zu kommen, ohne allzu viel Substanzielles zu sagen zu haben. Besser wäre gewesen, den Politikern wirklich zuzuhören und am Ende durch ernst gemeinte, sachkundige Fragen die wankenden Argumentationsbauten der Atombefürworter zum Einstürzen zu bringen.

Mein persönliches Fazit: ich rechne den Herren von FDP und CDU hoch an, sich dieser Diskussion gestellt zu haben. Trotzdem sind FDP und CDU für mich dieses Jahr absolut unwählbar. Man hat dort die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt und setzt weiterhin auf Atomenergie, ohne die berechtigten Argumente und Sorgen der Atomgegner ernst zu nehmen. Kein Zeichen von Einsicht in die Notwendigkeit einer Energiewende. Wer gegen Atomenergie ist, kann in diesem Jahr CDU und FDP nicht guten Gewissens wählen.
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