Hier schreibe ich - rund um Themen, die mir wie Karotten vor der Nase baumeln. Hauptsächlich Literatur, Nachhaltigkeit und Unternehmensethik [CSR].

Monday, February 2, 2009

Arbeitswert

Es ist schon seltsam, wie ein Gegenstand gleichsam von seiner wahren Bedeutung befreit und im selben Atemzug mit einer neuen Wertigkeit überzogen wird, bis man schließlich den eigentlichen Gegenstand in seiner Verfremdung gar nicht mehr so recht erkennen kann.

Oder woran denken Sie, wenn Sie an Arbeit denken? Ich habe sofort die Stimme von Ulrike Schramm-de Robertis im Ohr, mit der sie gestern bei Anne Will sagte, „Arbeit sei das höchste Gut.“ Sie möge mir verzeihen, wenn ich sie in diesem Sinne zitiere, doch sie befindet sich in bester Gesellschaft mit all den Politikern und Gewerkschaftsfunktionären, die sich seit Jahrzehnten der bedingungslosen Bewahrung und Erschaffung von Arbeitsplätzen verschrieben haben – koste es, was es wolle. Die Bewegung zum Schutze der gefährdeten Arbeitsplätze ist sogar so erfolgreich, dass inzwischen die Wirtschaft auf den Zug aufgesprungen ist und einmündig bekundet, auch den Unternehmen sei es nur darum zu tun, Arbeitsplätze zu sichern. Darum benötigen sie in der aktuellen Finanzkrise ja auch die Hilfe der Politik und finanzielle Unterstützung, denn sie wären ja sonst ganz gegen ihren Willen gezwungen kostbare Arbeitsplätze zu vernichten.

Überhaupt verdanken wir der Finanzkrise wunderschöne neue Denkansätze. Neulich erst gab in einer der vielen gleichförmigen Politik-Talkshows im Fernsehen ein Bankier zu bedenken, wir mögen doch bei aller berechtigten Kritik an den Banken und Finanzmärkten nicht vergessen, dass Deutschland als Exportland quasi auf die Geldvermehrung durch die Banken angewiesen sei. Seiner Logik nach war das in etwa so: jemand muss im Ausland dafür sorgen, dass genügend Geld vorhanden ist, um deutsche Produkte zu importieren und sich leisten zu können. Unsere Wirtschaft profitiere daher von aufgeblähten Geldmärkten, also von den Aktivitäten der Banken – und dies schütze die kostbaren Inlandsarbeitsplätze. Wir müssen demnach dankbar sein für die Geldvermehrung.

Man kann also schlussfolgern, dass die gesellschaftliche Bedeutung von Arbeitsplätzen heute jedem hinlänglich bekannt ist und alles zu ihrem Schutz getan wird. Wie bedauerlich nur, dass dabei die Arbeit selbst immer unerfreulicher und bedeutungsloser wird. Meine Mutter war vor ihrer Rente Altenpflegerin und stellte über die Jahre mit Bedauern fest, dass jeder Handgriff in ein enges Zeit- und Kostenkorsett gezwungen wurde, bis aus dem pflegenden Dienst am Nächsten eine lieblos zerstückelte Aneinanderreihung von gehetzten Handgriffen wurde. Gerade im Gesundheitswesen wird deutlich, wie die zunehmende Rationalisierung und Ökonomisierung dazu führt, dass betroffene Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger zunehmend nur „der Hüfte“ oder „dem Blinddarm“ begegnen, der Mensch als Individuum dabei aus dem Blick gerät. In den Schulen gibt es ähnliches zu beklagen. Dort wird seit Jahrzehnten darüber diskutiert, ob man nun Elitenförderung oder integrative Gemeinschaftsschulen benötigt, ob praktisch ausgerichtete, berufsvorbereitend-stringente und teure Bildungsgänge besser seien, als eine kostenfreie, langjährige und selbst bestimmte Geistesbildung. Während die so geführte ideologische Diskussion sich in ihrem Entweder-Oder-Denken stetig ziellos umkreist - ohne zu erkennen, dass jeweils beides seinen Platz haben muss - unterrichten weiterhin unzufriedene, erschöpfte Lehrer unter unerträglichen Bedingungen viel zu große Klassen und strömen weiterhin jedes Jahr tausende unvermittelbare Schulabgänger auf die Straßen.

Vom eigentlichen Wert der Arbeit als einem sinnstiftenden, erfüllenden Tun, durch das der Mensch seine Talente und Fähigkeiten zum eigenen und gesellschaftlichen Wohle einbringt, ist unter diesen Umständen nicht mehr viel zu spüren. KPIs und die Forderung nach krebsartigem Wirtschaftswachstum verstellen den Blick dafür, dass Arbeit ursprünglich etwas zutiefst menschliches und geradezu unökonomisches ist. Durch Arbeit könnte der Mensch erfahren, wer er ist, was er leisten kann, wofür seine Fähigkeiten eingesetzt werden können, was ihn ausmacht – wenn er nicht durch stetig steigenden ökonomischen Druck zu einer anderen Sichtweise auf die Arbeit verleitet würde. Wir behandeln uns ja schon selbst wie Maschinen und übertreffen einander mit blutlosen Überlegungen dazu, wie man den Menschen zu immer mehr Leistung motivieren könne. Eines ist gewiss: durch Kritik an seinen Fähigkeiten und mehr Druck gelingt es nicht, denn der menschliche Leistungswille lässt sich nicht mit den gleichen Formeln berechnen, wie KPis.

So sind denn die Arbeitsplätze, die in unserer Gesellschaft als kostbares Gut gepriesen werden, überwiegend keine Arbeitsplätze in diesem ursprünglichen Sinne. Es sind Einkommensplätze, Plätze im Hamsterrad der Ökonomie, notwendige Übel um weiterhin über ausreichend finanzielle Mittel für eine Teilhabe an der Gesellschaft zu verfügen und nicht ins Prekariat abzudriften. Deswegen sind sie ja selbst dann noch schützenswert, wenn sie aus ökonomischer Sicht sinnlos geworden sind. Da müssen dann Subventionen her um Arbeitsplätze zu erhalten, wenn in einer bestimmten Branche der Absatz einbricht. Böse Zungen behaupten zwar, man müsse nur die Produktion wieder an der Nachfrage am Markt ausrichten. Doch wer das sagt wird schnell mit einem Hinweis auf die Bedeutung der Arbeitsplätze für die Betroffenen zum Schweigen gebracht und gilt fürderhin als unsozial. Und so ist es in der Wirtschaft heute möglich mit jedem Unsinn Geld zu verdienen, solange man nur neue Arbeitsplätze erschafft, während so manch gesellschaftlich wertvolle Tätigkeit ungetan bleibt. Wenn man dann durch verfehltes wirtschaften das Bestehen eines Unternehmens gefährdet hat, so kann man auf Unterstützung von allen Seiten rechnen – um die kostbaren Arbeitsplätze zu erhalten. Irgendwie verdreht.

Mir persönlich wäre es lieber, wir würden der Arbeit den Sinn geben, den sie als eine schöpferische und gestaltende menschliche Kraft verdient – und den Arbeitsplätzen ein wenig ihrer künstlich übergestülpten Bedeutung wieder entziehen. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Arbeitsplatz tatsächlich das höchste Gut sein kann. Als ich das letzte Mal darüber nachsann, da war das höchste Gut noch das Leben (bzw. die Gesundheit). Wenn es sich in unserer Gesellschaft heute anders darstellt, dann sollten wir uns fragen, wie das sein kann - und schleunigst umdenken.

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Meine Aussagen und Gedankengänge wurden angeregt durch folgende Quellen:

Anne Will

Forum Grundeinkommen

Arbeit und Muße






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Saturday, June 28, 2008

Skinner: Walden Two (Futurum Zwei) und der 4-Stunden-Arbeitstag

Dies ist keine Rezension. Aber nachdem ich gerade Skinners Roman "Futurum Zwei [Walden Two] - Die Vision einer aggressionsfreien Gesellschaft" gelesen habe bin ich etwas aufgewühlt und überrascht. Zunächst darüber, dass das Buch bereits 1948 erschien. Aber ganz besonders darüber, wie wenige der dort bereits angedachten Innovationen heute unsere Arbeitswelt bereichern.

In Futurum Zwei arbeitet jedes Mitglied der Gemeinschaft an 4 Stunden des Tages für Werkguthaben. Richtig, nur 4 Stunden. Das heisst die Mitglieder gehen zur Arbeitsverteilung und suchen sich eine Tätigkeit aus, die ihren Fähigkeiten und Wünschen, aber auch ihrer Tagesstimmung entspricht. Wie z.B. die Besucher, die im Roman für 10 Werkguthaben Fenster putzen (Bewertung 1,2 - leichte Tätigkeit, keine besondere Erfahrung vorausgesetzt), um sich für die Gastfreundschaft erkenntlich zu zeigen und gleichzeitig am Experiment Futurum Zwei auch persönlich teilzunehmen. Als Gegenleistung für dieses erarbeitete Werkguthaben nutzen alle Mitglieder die Gefälligkeiten des Gemeinwesens: Kost und Logis, ärztliche Behandlung, Weiterbildungsmöglichkeiten, verschiedene Freizeitaktivitäten aus Sport, Kultur und Kunst. Und trotz all der Aktivität mangelt es nicht an Muße, Entspannung und innerer Einkehr.

Arbeit, das heissst in Futurum Zwei für alle, auch für Planer und Manager, ein gewisses Maß an körperlichen Tätigkeiten und ich schreie laut 'Hurraa!' wenn ich so etwas lese. Denn das hat doch durchaus mehr Sinn, als wenn wir heute bei einer Wochenarbeitszeit von 50 oder mehr Stunden unsere gesunde Dosis an körperlicher Bewegung in Fitness-Centern zukaufen müssen. An der Stelle fiel mir auch wieder eines meines liebsten Zitate von Henry David Thoreau ein, das ich hier unbedingt unterbringen muss, weil es sich aus heutiger Sicht so schön bissig ausnimmt:

"Ich bin der Ansicht, mein körperliches und geistiges Wohlbefinden allein deshalb zu erhalten, weil ich jeden Tag wenigstens vier, üblicherweise aber sogar mehr Stunden damit zubringe, in völliger Freiheit von jedweden Anforderungen der Welt durch den Wald sowie über Hügel und Felder zu streifen. Sicher wird man mich nun fragen, woran ich hierbei denke. Manchmal denke ich daran, dass die Handwerker und Krämer sich nicht allein des Vormittags, sondern auch während der Nachmittage in ihren Werkstätten und Läden befinden, davon viele zudem noch mit übereinandergeschlagenen Beinen – gerade so, als wären Beine nicht zum Stehen und Laufen, sondern zum Sitzen erschaffen worden –, und dann denke ich, man müsse diesen Leuten eine Art von Anerkennung zubilligen, weil sie ihrem Leben nicht schon vor langer Zeit ein Ende gesetzt haben." [Henry David Thoreau, 1817 - 1862]

Ich will einräumen, dass mir nicht alles an Futurum Zwei geheuer ist. Wieso Dankbarkeit abgelehnt wird, kann ich nicht nachvollziehen. Auch Fraziers Abneigung gegen die Anerkennung von persönlichen, herausragenden Leistungen riecht heute überholt. Ich kann nicht finden, dass in der Anerkennung von Leistung bei einer Person auch implizit die Herabsetzung einer anderen Person enthalten wäre. Aber sei's drum.

Einige der dort dargestellten Lösungsansätze wären durchaus geeignet, uns bei aktuellen Problemen zu helfen. Es ist doch kaum einzusehen, dass heute ein Teil der Bevölkerung unfreiwillig 40, 50, 60 oder gar noch mehr Wochenstunden arbeitet und dabei starkem Leistungs- und Zeitdruck ausgesetzt ist, während ein anderer Teil unserer Bevölkerung unfreiwillig ohne entlohnte Tätigkeit lebt und dabei starkem sozialen und wirtschaftlichen Druck ausgesetzt ist. Da gibt es doch sicherlich intelligentere Lösungen, die nicht an simplen Verteilungsfragen hängen bleiben oder auf Gleichmacherei setzen. Ich für meinen Teil kann mir einen 4-Stunden-Arbeitstag mit freier Wahl der Tätigkeit sehr wohl vorstellen. Und das nicht etwa, weil ich besonders faul wäre. Sondern vielleicht eher, weil ich mir erlaube die Welt auch einmal ganz anders zu sehen, als sie heute noch ist.

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Sunday, April 27, 2008

Verstellte Türen

Ich kenne eine Frau, die ist vor einiger Zeit 50 Jahre alt geworden. Nennen wir sie … Dagmar. Ja, Dagmar passt gut. Ist natürlich nicht ihr richtiger Name, doch das tut nichts zur Sache. Damit Ihr Euch ein Bild von Dagmar machen könnt, beschreibe ich sie kurz. Sie ist klein und zierlich, mit einer spitzen Nase und einem hellroten Haarwuschel auf dem Kopf. Wenn sie Eure Freundin wäre, dann wäre sie diejenige, mit der man immer Wochen im Voraus einen Termin zum gemeinsamen Einkaufen oder Kuchenessen vereinbaren muss, weil sie beruflich so viel unterwegs und dauernd beschäftigt ist. Und man müsste stets pünktlich sein wenn man eine Verabredung mit ihr hat, denn ihr Zeitmanagement ist perfekt und sie hasst Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit.

Dagmar ist viel herum gekommen in der Welt und deshalb kann sie von ihren Reisen viel erzählen - vielleicht zum Italienischen Salat mit einem trockenen Rotwein oder beim selbst gebackenen Möhrenkuchen mit Pfefferminztee. Wenn Ihr unbedingt einen Kaffee wollt, dann würdet Ihr den auch bekommen, da ist Dagmar großzügig. Aber Dagmar selbst verträgt Kaffee nicht mehr so gut und trinkt nur ganz selten einen Espresso. Sie verträgt überhaupt einiges nicht mehr so gut. Zum Beispiel Stress und Kritik und ganz viele Nahrungsmittel und auch mit dem Humor hat sie es nicht mehr so. Zumindest war das so, als ich Dagmar kennen lernte.

Das lag daran, dass Dagmar schon ganz lange mit einigen Dingen in ihrem beruflichen Leben nicht mehr zufrieden war. Die vielen Geschäftsreisen waren nämlich anstrengend. Zudem sollten immer noch mehr Aufgaben in immer weniger Zeit erledigt werden und gelobt wurde Dagmar dafür ganz selten – obwohl sie äußerst gewissenhaft ihren Job erledigte und zu den tragenden Stützen des ganzen Teams zählte! Da konnte man jeden fragen, das hätten alle ihre Kollegen bestätigt.

Nun ist es nicht Dagmars Art ihren Chefs zu erzählen, was die alles falsch machen. Es ist überhaupt nicht Dagmars Art, sich einzumischen. Aber oft genug hatte sie in den letzten Jahren erwähnt, dass sie nicht zufrieden ist und sich Veränderungen wünscht. Versprochen hat man sie ihr auch oft genug, aber geändert hat sich dennoch nichts. Und so wurde Dagmar immer unzufriedener. Als ich sie kennen lernte war sie schon fast die ganze Zeit unzufrieden, lachte wenig und machte auch immer so pessimistische Andeutungen, dass sich gewisse Dinge niemals ändern würden und das Leben eben kein Wunschkonzert sei. Es machte ehrlich gesagt gar nicht mehr viel Spaß der Dagmar zuzuhören, weil sie oft schlecht gelaunt war, viele negative Sachen sagte und selten fröhlich war.

Vielleicht fragt Ihr Euch jetzt, warum Dagmar nicht den Beruf gewechselt hat? Das habe ich sie nämlich auch einmal gefragt und sie sagte, es gäbe doch für Frauen in ihrem Alter überhaupt keine Möglichkeiten mehr auf dem Arbeitsmarkt. Sie sei ja nun immerhin schon 50 Jahre alt und die Chefs würden viel lieber junge Menschen einstellen. Sie sagte, sie mache sich da gar keine Illusionen. Ich versuchte zwar ihr ein wenig Hoffnung zu machen, aber im Grunde habe ich selbst nicht daran geglaubt, dass Dagmar aus ihrer Unzufriedenheit die Konsequenzen ziehen würde.

Die gute Nachricht ist – und deswegen erzähle ich Euch heute von Dagmar – sie hat es dann doch getan! Eines Tages hörte ich, dass sie eine ganz tolle neue Stelle in einer ganz anderen Stadt angenommen hat und nun bald wegziehen wird. Es ist nämlich so, dass es da draußen auf dem Arbeitsmarkt sehr wohl noch Chancen für alte Hasen wie Dagmar gibt, wenn man sich nur umhört. Weil alte Hasen wie Dagmar nämlich viel Erfahrung mitbringen und selbständig arbeiten können. Das hat für die Chefs eine ganze Menge Vorteile. Außerdem wissen natürlich auch die meisten Chefs schon, dass ihre Mitarbeiter viel bessere Arbeit abliefern, wenn sie zufrieden sind.

Dagmar lächelt nun viel mehr und macht sogar häufiger einen kleinen Scherz. Okay, noch nicht so locker aus der Hüfte wie zum Beispiel ein Dieter Nuhr, aber sie braucht vielleicht noch ein wenig Übung. Auf jeden Fall ist Dagmar nun gar nicht mehr so unzufrieden und es würde mich nicht überraschen, wenn sie bei unserem nächsten Treffen Kaffee trinkt und gar keine Magenschmerzen mehr hat.

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