Hier schreibe ich - rund um Themen, die mir wie Karotten vor der Nase baumeln. Hauptsächlich Literatur, Nachhaltigkeit und Unternehmensethik [CSR].

Sunday, November 22, 2009

Koop-Modus

Die Bremer können nicht Autofahren. Woher ich das weiß? Glauben Sie mir, mir wäre ohne diese Erkenntnis wohler. Ich habe nicht darum gebeten in diesem Punkt erleuchtet zu werden und fahre Fahrrad. Dummerweise wohne ich aber in einer ruhigen, schmalen Straße mit Geschwindigkeitsbeschränkung (30 km/h), die sich zu einem Nadelöhr entwickelt hat.

Es ist zwar keine Einbahnstraße, stattdessen gibt es viele Parkbuchten und Parkstreifen. Diese sind auf beiden Seiten abwechselnd eingezeichnet und sorgen dafür, dass hunderte von PKW am Fahrbahnrand hintereinander stehen, oder schräg nebeneinander ihr Hinterteil in die Fahrbahn strecken. Nebenbei sorgen sie dafür, dass es de facto nur einen Fahrstreifen gibt. Eine dieser Straßen eben, wo man nach 21 Uhr mehrfach um den Block fahren muss, um einen Parkplatz zu finden.

An normalen Tagen freuen wir uns über die Ruhe. Wenig Verkehr und überwiegend Anwohner, die mit den hiesigen Verhältnissen vertraut sind. Es gibt sogar erfreulich viele Autofahrer, die sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten.

Seit einiger Zeit aber bilden sich in zehnminütigen Abständen links oder rechts vor dem Haus Staus. Sie entstehen am Anfang und Ende einer Parkbucht, wo es eng wird und man einander Platz machen und sich gegenseitig abwechselnd vorbeilassen müsste. Ist so ein Mini-Stau von vier bis zehn Autos entstanden geht sofort das Gehupe los und - schwupp di wupp - fahren die ersten Wagen über Radweg und Bürgersteig, bevor sie mit ungeduldig schubbernden Reifen davoneilen (meist mit deutlich mehr als 30 km/h und verärgert in Richtung der anderen Verkehrsteilnehmer gestikulierend). Mehrfach täglich ergeben sich Situationen, in denen der eigene Wagen kurz verlassen wird, um – im Schutze der Fahrertür – flink ein paar Nettigkeiten mit anderen Autofahrern auszutauschen.

Unsere Recherche hat ergeben, dass eine Baustelle zwei Straßen weiter all diese Leute nötigt, durch unsere kleine Straße zu fahren. Diesem Zufall verdanken wir es, dass wir vorübergehend ein Unterhaltungsprogramm mehr zur Verfügung haben. Kostenlos! Mit den Ellbogen auf die Fensterbank gestützt und Heißgetränke schlürfend betreiben wir seither Feldstudien in menschlicher Dummheit.

Es wäre so leicht! Was erfahrene Autofahrer und Anwohner schon längst kapiert haben sei den Durchreisenden mit auf ihren hektischen Weg gegeben: Man kann sich in so einer Straße nicht aggressiv aneinander vorbei mogeln und nur den eigenen Vorteil im Auge haben. Hier brauchen Sie Ihren Koop-Modus: Vorausschauendes Verhalten und Mitdenken sind gefragt! Wenn Sie stur bis zum Hintern ihres Vordermannes aufrücken, ohne die vor Ihnen liegende Verkehrslage zu berücksichtigen, was entsteht dann…? Ja richtig, ein Stau! Weil es genau SIE sind, der also Aufgefahrene, der verhindert, dass die in Gegenrichtung Fahrenden an Ihrem Vordermann und Ihnen vorbeikommen. In eine Einfädellücke passen ein, zwei oder maximal drei Wagen, dann ist Sense. Dann ist erstmal der Gegenverkehr dran. Wenn man diese einfache Grundregel beherzigt und sich stets flink in die nächste Lücke presst, damit andere vorbeikommen, flutscht es wie ein Zäpfchen.

Ja, werden Sie sagen, warum sollte ich alle dreißig Sekunden anhalten und andere vorbei lassen! Das hält mich doch auf! Richtig, das nennt man Kooperation. Sie kostet kumulativ zwei Minuten Ihrer kostbaren Zeit beim Durchfahren dieser Straße. Sie erspart Ihnen – und nebenbei bemerkt auch uns Anwohnern – jedoch die ungleich längeren zehn Minuten, das laute Hupkonzert und unzählige überspannte Nerven, die fällig werden, wenn Sie durch Ihr unkooperatives Verhalten einen Stau verursachen und allesamt feststecken.

Im Übrigen haben unsere Feldstudien ergeben, dass es meistens die Stauverursacher sind, die als erste hupen. Falls Sie also gefühlt häufiger als andere in stockenden Verkehr geraten und außerdem eine Veranlagung zu spontanem Hupen mitbringen: Wäre die Adventszeit nicht geeignet für einen kleine selbstkritische Innenschau?

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