Verstellte Türen
Ich kenne eine Frau, die ist vor einiger Zeit 50 Jahre alt geworden. Nennen wir sie … Dagmar. Ja, Dagmar passt gut. Ist natürlich nicht ihr richtiger Name, doch das tut nichts zur Sache. Damit Ihr Euch ein Bild von Dagmar machen könnt, beschreibe ich sie kurz. Sie ist klein und zierlich, mit einer spitzen Nase und einem hellroten Haarwuschel auf dem Kopf. Wenn sie Eure Freundin wäre, dann wäre sie diejenige, mit der man immer Wochen im Voraus einen Termin zum gemeinsamen Einkaufen oder Kuchenessen vereinbaren muss, weil sie beruflich so viel unterwegs und dauernd beschäftigt ist. Und man müsste stets pünktlich sein wenn man eine Verabredung mit ihr hat, denn ihr Zeitmanagement ist perfekt und sie hasst Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit.Dagmar ist viel herum gekommen in der Welt und deshalb kann sie von ihren Reisen viel erzählen - vielleicht zum Italienischen Salat mit einem trockenen Rotwein oder beim selbst gebackenen Möhrenkuchen mit Pfefferminztee. Wenn Ihr unbedingt einen Kaffee wollt, dann würdet Ihr den auch bekommen, da ist Dagmar großzügig. Aber Dagmar selbst verträgt Kaffee nicht mehr so gut und trinkt nur ganz selten einen Espresso. Sie verträgt überhaupt einiges nicht mehr so gut. Zum Beispiel Stress und Kritik und ganz viele Nahrungsmittel und auch mit dem Humor hat sie es nicht mehr so. Zumindest war das so, als ich Dagmar kennen lernte.
Das lag daran, dass Dagmar schon ganz lange mit einigen Dingen in ihrem beruflichen Leben nicht mehr zufrieden war. Die vielen Geschäftsreisen waren nämlich anstrengend. Zudem sollten immer noch mehr Aufgaben in immer weniger Zeit erledigt werden und gelobt wurde Dagmar dafür ganz selten – obwohl sie äußerst gewissenhaft ihren Job erledigte und zu den tragenden Stützen des ganzen Teams zählte! Da konnte man jeden fragen, das hätten alle ihre Kollegen bestätigt.
Nun ist es nicht Dagmars Art ihren Chefs zu erzählen, was die alles falsch machen. Es ist überhaupt nicht Dagmars Art, sich einzumischen. Aber oft genug hatte sie in den letzten Jahren erwähnt, dass sie nicht zufrieden ist und sich Veränderungen wünscht. Versprochen hat man sie ihr auch oft genug, aber geändert hat sich dennoch nichts. Und so wurde Dagmar immer unzufriedener. Als ich sie kennen lernte war sie schon fast die ganze Zeit unzufrieden, lachte wenig und machte auch immer so pessimistische Andeutungen, dass sich gewisse Dinge niemals ändern würden und das Leben eben kein Wunschkonzert sei. Es machte ehrlich gesagt gar nicht mehr viel Spaß der Dagmar zuzuhören, weil sie oft schlecht gelaunt war, viele negative Sachen sagte und selten fröhlich war.
Vielleicht fragt Ihr Euch jetzt, warum Dagmar nicht den Beruf gewechselt hat? Das habe ich sie nämlich auch einmal gefragt und sie sagte, es gäbe doch für Frauen in ihrem Alter überhaupt keine Möglichkeiten mehr auf dem Arbeitsmarkt. Sie sei ja nun immerhin schon 50 Jahre alt und die Chefs würden viel lieber junge Menschen einstellen. Sie sagte, sie mache sich da gar keine Illusionen. Ich versuchte zwar ihr ein wenig Hoffnung zu machen, aber im Grunde habe ich selbst nicht daran geglaubt, dass Dagmar aus ihrer Unzufriedenheit die Konsequenzen ziehen würde.
Die gute Nachricht ist – und deswegen erzähle ich Euch heute von Dagmar – sie hat es dann doch getan! Eines Tages hörte ich, dass sie eine ganz tolle neue Stelle in einer ganz anderen Stadt angenommen hat und nun bald wegziehen wird. Es ist nämlich so, dass es da draußen auf dem Arbeitsmarkt sehr wohl noch Chancen für alte Hasen wie Dagmar gibt, wenn man sich nur umhört. Weil alte Hasen wie Dagmar nämlich viel Erfahrung mitbringen und selbständig arbeiten können. Das hat für die Chefs eine ganze Menge Vorteile. Außerdem wissen natürlich auch die meisten Chefs schon, dass ihre Mitarbeiter viel bessere Arbeit abliefern, wenn sie zufrieden sind.Dagmar lächelt nun viel mehr und macht sogar häufiger einen kleinen Scherz. Okay, noch nicht so locker aus der Hüfte wie zum Beispiel ein Dieter Nuhr, aber sie braucht vielleicht noch ein wenig Übung. Auf jeden Fall ist Dagmar nun gar nicht mehr so unzufrieden und es würde mich nicht überraschen, wenn sie bei unserem nächsten Treffen Kaffee trinkt und gar keine Magenschmerzen mehr hat.

Labels: Arbeit, Gesundheit, Kurzgeschichte, Veränderung

3 Comments:
Hallo Simona!
"Aber sind wir wirklich alle allein? Oder enthüllt sich nicht auch gerade in den verworrenen Wegen, auf denen Botschaften ihre Leser finden, der Hauch einer unbewussten grundlegenden Verbundenheit? Und sind es wirklich nur die Augen und der Verstand, mit denen wir die Welt wahrnehmen und begreifen?" hattest Du geschrieben.
Du willst es aber wissen! Ja, das Universum hat keine Grenzen - nein, den Urknall kann ich nicht mehr hören.
Im Prinzip hast Du hier ein Thema aufgegriffen, an dem ich mir schon lange die Zähne ausbeiße. Kommunikation ist immer auch eine Frage der Form. Wie kann ich mich dem anderen mitteilen. Dieses kann eben nicht nur über Sprache geschehen, worauf wir es ja aber gerne beschränken. Ich glaube, da ist der Glaube tatsächlich so gemeint, denn ich kann es nicht wirklich beweisen, dass mehr zwischen Himmel geschieht, als unsere Wissenschaft uns glauben macht. Wenn Du Lust hast schicke ich Dir gerne ein paar Gedankenfragment über "Form und Gefühl".
Dagmar ist tatsächlich kein Einzelfall. Allerdings ist unsere Gesellschaft sehr zwiespältig. Wir wollen alt werden, aber nicht alt sein. Meine Generation hat dabei das Gefühl, dass unser Leben immer noch vor uns liegt und wir das wichtigste im Leben immer noch nicht gemacht haben. Ich glaube, dass das ein Irrweg sein könnte, da man dann Gefahr läuft immer nur auf der Suche zu sein und niemals ankommt.
Bis bald
ERich
April 29, 2008 1:28 PM
Hallo ERich,
ich lasse nun zwar ein paar Fäden unbeachtet rumliegen, aber ich finde das besser, als wenn ich mich zwinge jedes Thema aufzugreifen und etwas dazu zu schreiben - selbst wenn es mich momentan nicht anspricht. Zum Alter selbst hat Deine Antwort aber ein paar Gedankengänge bei mir angestossen, über die ich vermutlich noch einen separaten Artikel schreiben werde.
Zu Dagmar: Interessanterweise hat mich am Text über Dagmar gar nicht so sehr das Alter interessiert, sondern mehr die Inaktivität und das Gefühl der Ohnmacht in einem Zustand der Unzufriedenheit. Man muss nicht erst 50 Jahre alt werden, um dieses Gefühl zu kennen. Ich denke jeder hier hat schon mal in einer vergleichbaren Situation lange gebraucht, bis er sich zum Handeln entschlossen hat. Das sage ich ohne jede Kritik. Ich kenne das selber und denke mittlerweile, dass es bei Veränderungen vielleicht weniger um die Schnelligkeit geht, als um die Auslöser.
Ich finde es ist durchaus in Ordnung, wenn man etwas zu lange in Inaktivität verharrt und zögert. Rückblickend ist es zwar verlockend sich selbst auszuschimpfen, weil man kostbare Zeit verloren hat. Doch oft war die Wartezeit notwendig und gehört zum Weg der Erkenntnis dazu. Entscheidender als die Schnelligkeit der Reaktion finde ich die Motivation. Es herrscht heute anscheinend weitgehend Übereinstimmung darüber, dass man sich erst zum Handeln aufrafft, wenn das Leiden zu groß wird. Sicherlich ist es auch oft so, aber muss das so sein? Ist das nicht eine Motivation des Vermeidens, eine Bewegung gegen etwas? Ich möchte weiteren Schmerz vermeiden, also führe ich eine Veränderung herbei.
Hätte aber eine Veränderung nicht viel mehr Energie und Potenzial, wenn sie als eine Bewegung für etwas Neues aus der Erkenntnis heraus entsteht, dass man selbst machtvoll ist und die eigenen Visionen umsetzen kann?
Dir einen schönen Sonntag wünscht,
Simona
May 18, 2008 4:03 PM
Hallo Simona!
Da gebe ich Dir vollkommen Recht. Jede Entscheidung und so auch jede Veränderung braucht seine Zeit.
Allerdings würde ich das nicht so gerne mit Leidensdruck bezeichnen. Der Spruch, mit dem ich meine Umwelt nerve ist: Es gibt tausend Gründe einen Zustand beizubehalten und nur einen einzigen ihn zu ändern: Man hält es nicht mehr aus!
Warum man es nicht mehr aushält, ist für mich hier offener als nur Leidensdruck. Ich halte es nicht mehr aus, weil ich mich auf den Krimi freue und beeile mich deshalb ;-).
Auch sehe ich es nicht als verschwendete Zeit, wenn man sie sich nimmt - wofür auch immer. Wenn man warten möchte, wartet man halt. Wie andere das sehen, ist eben deren Problem. Wenn man sich damit wohlfühlt, hat man kein Problem. Es ist ein Kind unserer Zeit selbige nicht zu haben. Man ist immer gehetzt.
Und Veränderung um der Veränderung willen ist nur operative Hektik. Es gibt Situationen, die man einfach abwarten muss. Mehr nicht. Nur wir haben es verlernt.
Was anderes: Schätze Dich glücklich eine solche Oma zu haben. Sie erinnert mich an meine Verwandten mütterlicher Seits, die aus Ostpreußen kommen. Sie sind nicht nur bodenständig, sondern mit der Erde verwurzelt und doch gleichzeitig offen und neugierig und interessiert.
Genieße Deine Oma!!
Schönen Abend!!
ERich
May 19, 2008 10:47 PM
Post a Comment
Links to this post:
Create a Link
<< Home