Schlaumeier, Besserwisser und Rechthaber trafen sich zum sonntäglichen Frühschoppen. Das taten sie seit vielen Jahren denn sie genossen ihre Streitigkeiten sehr. Eigentlich zählte auch die Ignoranz zum festen Kreis, aber heute blieb sie fort. Dafür kam das Vorurteil spontan vorbei. Es wirkte, wie so oft, etwas kindlich und war auch körperlich kleiner geraten als die anderen Anwesenden. Doch sie hatten sich im Lauf der Jahre daran gewöhnt, über diese Wachstumsschwäche keine Scherze zu machen. Da war das Vorurteil sehr empfindlich.
Schlaumeier, Besserwisser und Rechthaber hätten dem äußeren Erscheinungsbild nach Brüder sein können. Sie waren alle drei drahtig und schlank, sehr agil, mit forschender Nase und behändem Blick. Tatsächlich waren sie aber – abgesehen von einer ganz entfernten Verwandtschaft mit der Kleinmut – nur Freunde.
So saßen sie und aßen und tranken und hingen ihren üblichen Streitigkeiten nach. Da sie jedoch so vertraut miteinander waren, kamen sie über die Wiederholung der immer gleichen Themen nicht hinaus und waren am Ende froh, als das Vorurteil einen entscheidenden neuen Input lieferte.
„Vorhin auf dem Marktplatz“, sagte das Vorurteil „ist mir der Gutmensch begegnet.“
Verächtliches Prusten.
„Nicht der schon wieder“, sagte der Besserwisser.
„Hat wohl wieder Bio-Gemüse gekauft, was?“ polterte der Schlaumeier, was allgemein Erheiterung erzeugte.
„Nein, er ist zur Larmoyanz gegangen. Ich hab’s genau gesehen.“
„Na, da haben sich ja zwei gesucht und gefunden.“ Hämte der Rechthaber. „Ich hab ja gleich gesagt, dass das Weichei und der realitätsferne Träumer gut zusammen passen würden.“
„Nun, eigentlich war ich es der bemerkte, dass der ewige Positivseher doch sicherlich der weinerlichen Jammerliese helfen könnte, nicht mehr so empfindlich zu sein.“ Brummte der Schlaumeier.
„Hört mal Leute“, warf der Besserwisser ein. „Ihr wisst so gut wie ich, dass ich der erste war, der die Wahrheit erkannt hat. Nämlich, dass das ewige Opfer vom tatkräftigen Optimismus des Weltverbesserers profitieren könne, während der hoffnungslose Idealist im Gegenzug eine kleine Lektion in Leidensfähigkeit abbekäme. Wer etwas anderes behauptet, der verdreht die Tatsachen.“
Das Vorurteil juchzte und rieb sich die Hände. Auch von den umstehenden Tischen kam vereinzelt Kichern oder auch mal ein zustimmender Ruf. Nur die Wahrheit saß grummelnd in der Ecke und murmelte etwas Unverständliches. Der sonntägliche Kreis fand so oder so stets sein Publikum und genoss die Aufmerksamkeit sichtbar.
Da rührte sich das Menschenbild an seinem Stammtisch in der Mitte des Raumes. Es schlug mit der Faust brutal auf den Eichentisch, um sich dann bedrohlich ächzend und schnaufend zu erheben, bis es beinahe mit dem Kopf gegen den Deckenbalken stieß. Niemandem war aufgefallen, wie sehr es in letzter Zeit gewachsen war. Aus dem grobschlächtigen Gesicht mit den tiefen Furchen schauten die Augen des Menschenbildes verächtlich unter dichten Brauen hervor.
„Ja, schaut ihr nur und seid überrascht, wie ich mich verändert habe. So wie ihr ja von vielem überrascht werdet, das ihr selbst hervorbringt. Oder auch vernichtet. Denn euch ist ja nicht einmal aufgefallen, dass wir ein paar angesehene Mitglieder unserer Dorfgemeinschaft verloren haben. Mein Onkel, der Altruismus, machte den Anfang. Inzwischen sind auch Gleichmut, Freundlichkeit und Respekt gegangen. Und ihr jämmerlichen Gestalten sitzt hier und feiert unbeirrt weiter.“
Der Schlaumeier rief erhitzt zurück: „Du wagst es, uns jämmerlich zu nennen?“
„Ja, du Wurm. Denn ich bin euer Abbild und sehe in euch stets nur das, was ihr in euch selbst auch seht“, entgegnete das Menschenbild donnernd. Die Angst, seine Ehefrau, legte wie zur Beruhigung ihre blasse Hand auf seinen muskulösen Arm, zog sie aber sofort wieder weg.
In diesem Moment kam die Anmut vorbei und blickte auf die kleine Gruppe wie ein Kind vom Lande, das die balgenden Stadtkinder meidet und lieber am Fluss barfuss auf Bäume klettert. Sie näherte sich nicht, sondern stellte nur von der Türe her leise fest:
„Nein, ich glaube kaum, dass meine Schwester, die Demut, hier vorbei gekommen ist“.
Damit ging sie und hinterließ im leeren Türrahmen nur einen fernen Freiheitshauch natürlichen Geistes.
Simona Harms, 25.07.2008 (inspiriert von einem Foreneintrag von Dr. Bernhard A. Grimm)
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